Im zweiten Teil der Artikelserie „Mentale Gesundheit“ geht es um die Rolle der Kindheit.

Warnung: In dem Artikel werden auch verschiedene Übergriffe in der Kindheit und ihre wissenschaftlich nachgewiesenen möglichen Folgen im Erwachsenenalter angesprochen.

Im ersten Teil gab ich eine Übersicht über die Grundlagen mentaler Gesundheit:

1. Gesunde Ernährung, die das Gehirn unterstützt
2. Eliminieren von automatischen negativen Gedanken
3. Sport/Bewegung
4. Nährstoffe/Nahrungsergänzung
5. Dein Umfeld
6. Ordnung
7. Schlaf
8. Kopfschutz

9. Lernen
10. Stress-Management

Den Artikel findest Du hier.

Mentale Gesundheit und die Kindheit

Mentale Gesundheit. Kindheit. Iris Ludolf. Friedensberaterin. Duisburg.

Eine Frage, die man sich stellen sollte, ist: Wo kommen denn die negativen Gedanken und der Stress her?

Und hier liegt die Ursache meist in der Kindheit. Nein, es geht nicht darum, einen „Schuldigen“ zu finden und Verantwortung abzugeben, sondern darum, zu verstehen und neue Wege der Heilung zu finden.

Die ACE-Studie

1998 wurde in den USA die sogenannte ACE-Studie veröffentlicht. ACE steht für Adverse Childhood Experience – auf Deutsch: Studie zu belastenden Kindheitserfahrungen. An dieser Studie nahmen 17.421 Menschen teil, die Fragen zu ihrer Kindheit beantworteten.

Der amerikanische Internist Vincent Felliti leitete eine Klinik für Adipositas. Im Laufe seiner Tätigkeit stellte er fest, dass die meisten der 286 krankhaft übergewichtigen Patienten, die er interviewte, als Kinder sexuell missbraucht wurden. Diese Untersuchung im kleinen Rahmen führte dann zur größeren Studie.

Es gab Fragen wie:

  • Hat ein Elternteil oder ein anderer Erwachsener in Ihrem Haushalt Sie immer wieder beschimpft, beleidigt, erniedrigt, gedemütigt oder sich so verhalten, dass Sie Angst hatten, körperlich verletzt zu werden? (10% der Teilnehmer beantworteten diese Frage mit Ja)
  • Haben Sie jemals mit jemandem gelebt, der trank, wenn er Probleme hatte oder Alkoholiker war oder andere Drogen nahm?
  • Haben Sie sich oft gefühlt, als ob Sie niemand aus Ihrer Familie liebt oder dachten Sie jemals, Sie seien nicht wichtig oder etwas Besonderes oder dass die einzelnen Familienmitglieder sich nicht gegenseitig unterstützten oder nahestanden?
  • Wurde Ihre Mutter oder Stiefmutter (oder Ihr Vater oder Stiefvater) häufig geschubst, gepackt, geohrfeigt, oder mit Dingen beworfen oder manchmal oder auch oft getreten, gebissen, mit der Faust oder etwas Hartem geschlagen oder jemals mindestens fünf Minuten lang geschlagen oder ist sie / ist er mit einer Pistole oder Messer bedroht worden? (1 von 8 Teilnehmern bejahte diese Frage)
  • Hat ein Erwachsener oder jemand, der mindestens 3 Jahre älter war als Sie jemals unsittlich berührt oder gestreichelt oder von Ihnen verlangt, dass Sie ihren Körper auf eine sexuelle Weise berühren oder versucht, bzw. tatsächlich Sex mit Ihnen gehabt (oral, anal oder vaginal)? (28% der Frauen und 16% der Männerbeantworteten diese Frage mit Ja)
  • Hat ein Elternteil oder ein anderer Erwachsener in Ihrem Haushalt Sie immer wieder geschubst, gepackt, geohrfeigt oder Sie mit Dingen beschmissen oder Sie jemals so heftig geschlagen, dass Sie Striemen hatten oder verletzt waren? (25% der Teilnehmer beantworteten diese Frage mit Ja)

Jede Ja-Antwort wurde mit einem Punkt bewertet. Es gab damals 10 Fragen, so dass der ACE-Wert zwischen 0 und 10 liegen konnte.

Einer von sechs Befragten hatte einen ACE-Wert von vier oder höher.

Wie zeigte sich das im Leben der Befragten?

Über 50% der Befragten, deren Punktzahl 4 oder höher betrug, hatten in der Schule Lern- oder Verhaltensprobleme. In der Gruppe der Befragten, deren ACE-Wert bei Null lag, waren es nur 3%.

Es wurde festgestellt, dass hohe ACE-Werte in Verbindung zu häufigem Fernbleiben von der Arbeit, finanziellen Problemen und generell niedrigen Einkommen standen.

Und jetzt kommen wir zur mentalen Gesundheit:

Mentale Gesundheit. Antidepressiva. Iris Ludolf. Friedensberaterin. Duisburg.

Je höher der ACE-Wert war, desto dramatischer war der Anstieg der chronischen Depressionen im Erwachsenenalter. Auch stieg die Wahrscheinlichkeit der Einnahme von Antidepressiva und verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln.

Die Zahl der verschriebenen Antidepressiva in Deutschland ist stetig gestiegen. Das ZDF schreibt in einem Artikel vom 03.08.2021:

„Wurden 2010 noch 1,174 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva verordnet, so waren es 2019 bereits 1,609 Milliarden – das entspricht einem Plus von 435 Millionen Dosen. Das Ministerium berief sich auf den Arzneiverordnungs-Report 2020, aktuellere Zahlen liegen nicht vor.“

„Auch die Schmerzmittel-Einnahme zog laut desselben Artikels deutlich an:

Auch bei Schmerzmitteln aus der Gruppe der Opioide war dem Bericht zufolge ein deutliches Plus zu verzeichnen: Die verschriebenen Dosen stiegen von 387 Millionen Tagesdosen im Jahr 2010 auf 439 Millionen Dosen im Jahr 2019. Bei den übrigen Schmerzmitteln stiegen die Verschreibungen laut NOZ von 193 Millionen Tagesdosen auf 262 Millionen. Auch bei den Neuroleptika – Medikamente mit beruhigender und antipsychotischer Wirkung – war ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen.“

Bemerkenswert ist im Übrigen, dass Menschen mit Depression, die als Kind weder missbraucht noch anderweitig misshandelt wurden, deutlich besser auf Antidepressiva ansprechen.

Ein Ergebnis der Studie war auch, dass die Zahl der eingestandenen Suizidversuche mit dem ACE-Wert um 5.000% zunahm, wenn man die Teilnehmer mit einem Wert von Null mit denen mit einem Wert von sechs miteinander verglich.

Teilnehmer mit einem ACE-Wert von 4 waren sieben Mal häufiger Alkoholiker als Teilnehmer mit einem ACE-Wert von 0.

Bei Teilnehmern mit einem ACE-Wert von 6 oder mehr Punkten war es 4.600% wahrscheinlicher, dass sie intravenös Drogen konsumieren, als bei Teilnehmern mit einem ACE-Wert von 0.

Laut Bessel van der Kolk, auf dessen Buch „Verkörperter Schrecken“ dieser Artikel beruht, umfasst die Liste riskanter Verhaltensweisen, die aufgrund des ACE-Wertes vorausgesagt werden können, „Rauchen, Fettleibigkeit, unbeabsichtigte Schwangerschaften, sexuelle Promiskuität und die Infektion mit Geschlechtskrankheiten“.

Ständiger mentaler Stress hat auch Auswirkungen auf den Körper. So erkrankten diejenigen Teilnehmer mit einem Wert von 6 oder höher 15% öfter an einer in den USA zehn häufigsten Krankheiten mit Todesfolgen, wie zum Beispiel COPD, koronare Herzerkrankung und Lebererkrankungen. „Außerdem erkrankten die dieser Gruppe angehörenden Teilnehmer doppelt so häufig an Krebs und viermal so häufig an Emphysem.“

Missbrauch und Misshandlung von Kindern ist eines der schwerwiegendsten und kostspieligsten Gesundheitsprobleme der USA

Van der Kolk schreibt, dass Robert Anda, der die Studie zusammen mit Felliti durchführte, durch diese Studie klar wurde, dass der Missbrauch und die Misshandlung von Kindern eines der schwerwiegendsten und kostspieligsten Gesundheitsprobleme der USA war (das lässt sich mit Sicherheit auch auf Deutschland und andere Länder übertragen). „Er berechnete, dass die Gesamtkosten, die dieses Problem verursachte, diejenigen von Krebserkrankungen und Herzkrankheiten deutlich übertrafen und dass die Beseitigung der Probleme dieser Art in den USA die Zahl der Depressionen und mehr als die Hälfte, die des Alkoholismus um zwei Drittel und die der Suizide, des intravenösen Drogenkonsums und der häuslichen Gewalt sogar um drei Viertel verringern würde. Außerdem hätte dies dramatische Auswirkungen auf die Arbeitsleistung und würde die Verhängung von Gefängnisstrafen stark verringern.“

Entwicklungstrauma

All das – emotionale, körperliche und/oder sexuelle Misshandlung des Kindes, als auch Zeuge dessen zu sein, wird als „Entwicklungstrauma“ bezeichnet.

Entwicklungstrauma ist eine zeitlich andauernde Misshandlung auf seelischer, emotionaler, geistiger und/oder körperlicher Ebene. Unter Misshandlung versteht man auch, wenn man den grundlegenden Bedürfnissen seiner Kinder nicht nachkommen kann. Einige der grundlegenden Bedürfnisse sind:

Vertrauen, Geborgenheit, Sicherheit, Nähe.

Und vielleicht siehst Du hier schon:

Menschen, die in ihrer Kindheit Trauma erlebten, das nicht geheilt wurde, werden oft zu Eltern, die dafür sorgen, dass ihre Kinder unter Entwicklungstrauma leiden. Man spricht hier von einer verborgenen Epidemie. Diese Epidemie betrifft 99% der Menschheit – entweder, weil man selbst betroffen ist und/oder weil man jemanden kennt, der betroffen ist.

Es gibt hier keine Opfer und keine Täter. Es gibt nur Opfer. Die Frage ist – willst Du als Opfer leben oder als ein Mensch, der diesen Kreislauf unterbricht und ihr bzw. sein eigenes Leben lebt? Als Mensch, der Verantwortung für sich und sein Leben übernimmt, statt sie bei den Eltern zu lassen? Es gibt immer mehr Menschen, denen bewusst wurde (oder wird), dass sie die Wahl haben, zu heilen und aus ihrer Erfahrung und ihrem Bewusstsein zu lernen.

Meine Vision

Mentale Gesundheit. Vision. Iris Ludolf. Friedensberaterin. Duisburg.

Ich plädiere an dieser Stelle dafür, Eltern zu unterstützen, statt sie zu verurteilen. Es braucht mehr allgemeines Bewusstsein für die Thematik und mehr Angebote für Eltern und Kinder. Ich bin dafür, dass Informationsmaterial zusammengestellt und gedruckt wird, das alle werdenden Eltern zum Beispiel vom Gynäkologen erhalten. Und ich bin dafür, dass es mehr Anlaufstellen für traumatisierte Menschen gibt.

Gleichzeitig plädiere ich dafür, dass Menschen, die mit Schizophrenie, Borderline oder einer bipolaren Verhaltensstörung diagnostiziert werden, offen begegnet wird und dass Mitgefühl die erste Reaktion ist. Mitgefühl für das kleine Kind, das sehr wahrscheinlich komplexe traumatische Erfahrungen gemacht hat und sich Wege aus der Gefahr suchte.

Ich wünsche mir mehr Aufklärung über Traumata und komplexe Traumatisierungen und deren Zusammenhänge und ich wünsche mir das Ende der Stigmatisierung für die betroffenen Eltern, Kinder und Erwachsenen.

Ich wünsche mir, dass Krankenkassen die Kosten für Therapeuten übernehmen, die Menschen mit Trauma-Erfahrungen helfen können.

Ich wünsche mir, dass für die Berufsgruppen der Ärzte, Erzieher, Polizisten, Richter, Anwälte und Menschen in pflegenden Berufen Traumaschulungen Pflicht werden, so dass Betroffene statt Retraumatisierungen Beziehung erfahren und Situationen deeskaliert werden können.

Und ich wünsche mir, dass jeder Mensch erfährt und fühlen kann, dass er wichtig und liebenswert ist.

Weitere Informationen

Auf YouTube gibt es von mir das Videoformat der „Offenen Sprechstunde“ und dort die Reihe „Wege aus dem Trauma“ sowie die Reihe „Kindheitstraum(a)„.

Ich danke Dir für Deine Zeit und Dein Interesse.

Iris Ludolf | energetisch-systemische Lebenshilfe | Unterschrift

1 Comment

Mentale Gesundheit, Teil III: Resilienz. Iris Ludolf. Friedensberaterin · 6. November 2022 at 18:57

[…] zweiten Teil, den Du hier findest, ging es um die Rolle der […]

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