„Ich trage eine Scham, die nicht mir gehört.“

Das war der Satz, der sich heute Morgen zeigte.

Das Gefühl der Scham ist mir sehr vertraut, schon seit frühester Kindheit. Und ich trug sie, weil es für mich ganz normal war, sie zu tragen. Bis heute, Samstag, 5. September 2026.

Der Auslöser dafür war ein Mann, der mich gestern anrief. Ich kannte ihn nicht. Er gab sich als potentieller Neukunde. Wir vereinbarten einen Rückruf zu einem Neukundengespräch.

Achtung Triggerwarnung: Sexueller Übergriff am Telefon.

Ich rief ihn zurück. Er ging nicht sofort ans Telefon, sondern das Gespräch war sofort unterbrochen. Er sprach sehr unklar am Telefon, es war schwierig, ihn zu verstehen und es war schwierig zu verstehen, worum es ging. Ich hatte nach kurzer Zeit das Gefühl, dass es in eine sexuelle Richtung gehen könnte. Ich habe ganz klar meinen Verdacht geäußert und gesagt, wenn dem so sei, stünde ich dafür nicht zur Verfügung. Da es aber nicht klar war, war mein Plan, ihm ein Video herauszusuchen, in der ich eine Methode vorstelle, die ihm helfen könnte und das Telefonat zu beenden. Bevor ich es tun konnte, hörte ich vom anderen Ende der Leitung schon sehr eindeutige Geräusche, legte sofort auf und blockierte ihn.

Und machte mit meinem Alltag weiter, als wäre nichts geschehen, als sei das normal.
Und gleichzeitig arbeitete es in mir.

So habe ich ungefähr eine Stunde später eine Online-Anzeige erstattet.

Und machte mit meinem Alltag weiter, als sei nichts geschehen, als sei das normal.
Und gleichzeitig arbeitete es in mir.

Die Scham nach dem sexuellen Übergriff

Heute Morgen machte ich eine Übung, die ich seit kurzem mache: Ich gebe mir selber die Erlaubnis, die Gefühle zu fühlen, denen ich heute keinen Raum gegeben habe.

Als ich reinfühlte, welchem Gefühl dieser Raum heute gehört, kam diese Geschichte wieder hoch. Und nicht nur diese Geschichte, sondern alle Geschichten, die ich in meinem Leben schon an sexuellen Übergriffen erleben musste.


Die Geschichte der zwei- bis sechsjährigen Iris.
Die Geschichte der circa achtjährigen Iris.
Die Geschichte der sechzehnjährigen Iris.
Die Geschichte der Neunzehnjährigen Iris.

Geschichten von Momenten, wo Männer übergriffig waren und ich so weitermachte wie bisher, weil da kein Raum war für diese Gefühle, die damit einhergingen.

Heute Morgen gab ich diesen verschiedenen jüngeren Anteilen von mir ihren Raum. Da kamen sehr viele Gefühle hoch. Es war sehr intensiv. Ich öffnete ihnen den Raum und hielt ihn.

Dann stellte sich die fast sechzigjährige Iris zu ihnen und sagte:
„Ihr seid nicht ohnmächtig. 


Ihr tragt einen Scham, die nicht euch gehört.

Gebt sie zurück.“

Sie haben sie alle zurückgegeben.

"Ich trage eine Scham, die nicht mir gehört" | Iris Ludolf | Friedensberatung

Anschließend habe ich sie eingeladen, dabei zu sein, während ich, die knapp sechzigjährige Iris, genau dasselbe jetzt hier öffentlich tue und die Scham, die ich gestern auch empfunden habe, auch als ich die Anzeige aufgab, wieder dahin zurückgebe, wo sie hingehört: An diesen Menschen, der vorgab, meine beruflichen Angebote in Anspruch nehmen zu wollen.

Und hier schließt sich dieser Kreis der Ohnmacht, der mich seit meinem zweiten Lebensjahr begleitet hat. Und dafür danke ich mir, dass ich diese Situation nutzen konnte, um den verletzten inneren Anteilen in mir den Raum zu geben, den sie brauchten, um gesehen zu werden, um ihre Gefühle zu fühlen und dadurch mehr in Frieden zu kommen.

Und gleichzeitig arbeitet es in mir …

Categories: Allgemein

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