Folge Deiner inneren Stimme
Das klingt oft wunderschön. Als würde der Weg dann automatisch leicht werden und sich alles fügen.
Meine Erfahrung ist eine andere.
Der inneren Stimme zu folgen bedeutet nicht, dass der Weg immer schmerzfrei ist. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass auch schmerzhafte Entscheidungen ein Teil des eigenen Weges sein können.
Ich kenne Kenny seit 1988. Er ist der Vater meiner ältesten Tochter. Damals trennten wir uns, noch bevor ich wusste, dass ich schwanger war. Trotz allem blieb der Kontakt zu seiner Familie über all die Jahre bestehen.
2014 befand ich mich mitten in einem großen Umbruch. Meine zweite Ehe war bereits beendet, die Scheidung war eingereicht. Und dann geschah etwas, das bis heute einmalig in meinem Leben geblieben ist: Ich hörte einen Satz.
„Schreibe Kenny!“
Normalerweise nehme ich anders wahr. Ich fühle Dinge. Ich weiß Dinge. Doch dieser Satz war so klar und deutlich in meinem Kopf, dass ich ihm folgte.
Kenny befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Gefängnis in den USA. Wahrscheinlich hätten viele Menschen an dieser Stelle die Geschichte schon für unmöglich erklärt. Unsere begann dort erst.
Es entstand ein intensiver Briefwechsel. Wir schrieben über das Leben, über Vergangenes, über unsere Gefühle, über uns.
Ich öffnete mich ihm auf eine ganz neue Weise. Und er öffnete sich mir. Ich verstand plötzlich die Bedeutung des englischen Wortes „Intimacy“: Into me see.
Wir ließen den jeweils anderen Dinge sehen, die wir vorher keinem Menschen gezeigt hatten. Das schuf eine Nähe, die selbst den Atlantik zwischen uns überbrückte. Im Mai 2015 wusste ich: Ich liebe diesen Mann. Und er liebte mich auch.
Wir begannen zu telefonieren, machten Pläne und freuten uns auf unsere gemeinsame Zukunft. Seine Entlassung war für Mai 2017 vorgesehen. Im April 2017 ging ich mit einem Sechs-Monats-Visum in die USA und lebte bei seinem Vater, zu dem ich durch unsere gemeinsame Tochter die ganzen Jahre Kontakt gehalten hatte.
Im Juni 2017 wurde Kenny entlassen, im August heirateten wir.
Wenn die Geschichte hier enden würde, wäre sie eine wunderschöne Geschichte darüber, was möglich ist, wenn wir der inneren Stimme folgen.
Doch das Leben schrieb weiter.
Wenn Liebe allein nicht ausreicht
Wir hatten Pläne. Gemeinsame Pläne. Und auch ich hatte ganz individuelle Pläne für mein Leben in den USA, auf deren Umsetzung ich mich schon gefreut hatte.
Mit dem gemeinsamen Alltag zeigte sich jedoch auch eine Realität, die ich lange nicht sehen wollte. Mein Visum lief im Oktober aus und die Beantragung der Green Card brachte Herausforderungen mit sich. Ich brauchte Unterstützung. Ich brauchte einen Partner, der diesen Weg mit mir gemeinsam geht.
Diese Unterstützung bekam ich nicht.
Ich war verdammt gut darin, Potenzial zu sehen. Ich sah, was alles möglich wäre. Ich sah unsere gemeinsame Zukunft. Ich sah, was sich entwickeln könnte. Und genau deshalb wollte ich lange nicht sehen, was sich im Alltag immer deutlicher zeigte.
Ich hielt an der Hoffnung fest, dass sich Dinge verändern würden. Dass wir Lösungen finden würden. Dass er irgendwann die Verantwortung übernimmt, die es für unseren gemeinsamen Weg brauchte.
Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem Du die Wahrheit nicht mehr übersehen kannst. Irgendwann winkt dann die innere Stimme halt nicht mehr mit dem Zaunpfahl, sondern eher mit dem Scheunentor.
Also machte ich eine Bestandsaufnahme und fragte mich: Was ist gerade wirklich da? Und die Antwort war schmerzhaft.
Ich liebte Kenny. Das war nie die Frage. Es wäre vermutlich leichter gewesen, wenn die Liebe nicht mehr da gewesen wäre. Die eigentliche Frage war eine andere:
Reicht Liebe allein aus, um gemeinsam einen Weg zu gehen?
Ich brauchte einen Partner an meiner Seite, der diesen Weg mit mir gemeinsam geht. Einen Menschen, der Verantwortung übernimmt und mich unterstützt, wenn ich Unterstützung brauche.
Und ich musste anerkennen, dass das in diesem Moment nicht unsere Realität war. Also traf ich die Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren.
Kenny sagte mir vorher, dass er den Kontakt zu mir abbrechen würde, wenn ich gehe. Ein Teil von mir konnte das nicht glauben. Nach all den Briefen, Telefonaten, gemeinsamen Erlebnissen und Zukunftsplänen erschien es mir unvorstellbar.
Wenn der richtige Weg weh tut
Und dann tat er es. Er brach den Kontakt ab.

Ich weiß noch sehr genau, wie sehr mich das damals getroffen hat. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor so verzweifelt geweint zu haben. Dieser Schmerz kam von ganz tief unten. Zum Glück hatte ich damals den Raum und die Zeit, ihn ganz zu fühlen, mich ihm ganz hinzugeben.
Gleichzeitig wusste ich: Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen, auch wenn sie unendlich wehtat. Es war die Entscheidung, Ja zu mir selbst zu sagen, auch wenn es bedeutete, Kenny gehen zu lassen.
Was ich aus dieser Erfahrung gelernt habe, geht weit über diese eine Beziehung hinaus.
Ich habe gelernt, dass ich für mich da sein kann.
Dass ich Entscheidungen treffen kann, die für mich richtig sind, auch wenn andere dadurch enttäuscht werden und auch wenn ich selbst durch einen tiefen Schmerz gehen muss.
Und ich habe gelernt, dass Veränderung nicht dadurch entsteht, dass wir immer wieder über unser Leben nachdenken.
Vor kurzem kam mir ein Slogan der Anonymen Alkoholiker unter, der es für mich sehr gut zusammenfasst:
„You can’t think your way into a new way of living. You have to live your way into a new way of thinking.“
Das bedeutet so viel wie: Wir können uns nicht in ein neues Leben hineindenken. Wir müssen beginnen zu leben und neue Erfahrungen zu machen, damit sich unser Denken ändern kann.
Oft wissen wir sogar längst, was richtig für uns wäre. Und trotzdem drehen wir uns im Kreis. Wir denken nach, suchen weitere Informationen, fragen andere Menschen um Rat und hoffen, dass irgendwann die entscheidende Klarheit auftaucht.
Doch Klarheit entsteht häufig nicht vor der Entscheidung, sondern auf dem Weg. Wir müssen Entscheidungen treffen, neue Erfahrungen machen und neue Wege gehen. Erst dadurch entsteht auch ein neues Denken.
Frieden leben bedeutet, Entscheidungen zu treffen
Viele Menschen spüren längst, dass etwas in ihrem Leben nicht mehr stimmt. Sie spüren es in Beziehungen. Sie spüren es in ihrer Erschöpfung. Sie spüren es in den immer gleichen Gedankenschleifen. Sie spüren es in ihrem Wunsch nach Veränderung. Und trotzdem fällt es oft schwer, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Genau darum geht es im sechsten Monat meines Online-Kurses Frieden im Kopf
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Denn irgendwann reicht es nicht mehr, nur zu verstehen, warum wir so sind, wie wir sind. Irgendwann geht es darum, den nächsten Schritt zu gehen: Eine Entscheidung für unseren Weg. Für unsere Grenzen. Für das, was wir tief in uns als wahr erkennen.
Ein Gedanke für Dich
Gibt es einen Bereich in Deinem Leben, in dem Du gerade mehr auf das Potenzial schaust als auf die Realität?
Gibt es eine Wahrheit, die Du vielleicht schon lange spürst und der Du noch nicht folgen möchtest?
Es geht nicht darum, noch heute eine große Entscheidung treffen. Vielleicht beginnt der erste Schritt damit, ehrlich hinzuschauen. Denn dort, wo wir aufhören, uns selbst Geschichten zu erzählen, entsteht der Raum für eine neue Entscheidung.
Mögest Du den Mut finden, Deiner eigenen Wahrheit zu vertrauen, das wünsche ich Dir.
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Absatz aktualisiert – 20.05.2026
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